SELBST-Konzept

Up Lernen im Zen SELBST-Konzept Enneagramm

 

Ich und Selbst sind Begriffe, die im Alltagsgebrauch oft synonym gebraucht werden. Jemand hat Selbstbewußtsein, wenn er weiß, was er ist und was er will. Dafür könnte man auch den in der Psychologie verwendeten Begriff Ich-Stärke einsetzen, ohne daß es zu groben Bedeutungsverschiebungen käme. Schwierig wird auch die Unterscheidung zwischen Persönlichkeit und Selbst(bewußtsein). Jemand, dem man Persönlichkeit zuschreibt, hat in der Regel auch ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein in dem Sinn, daß er zwischen sich und seiner Außenwelt unterscheiden kann. In der humanistischen Psychologie hat Carl Rogers dafür den Begriff Selbstkonzept geprägt. 

Dieses Konzept hat allerdings den Nachteil, daß unbewußte Prozesse nur sehr ungenügend berücksichtigt werden können. Wer kennt nicht die Erfahrung, daß wir zwar grundsätzlich wissen (was gut und richtig ist), dieses Wissen im Alltagskontext aber trotzdem oft nicht adäquat umsetzen können - so als gäbe es einen Saboteur in uns, der den persönlichen Erfolg zielstrebig zunichte macht. Ein Modell, das diese Einschränkung nicht aufweist, ist das von C.G. Jung (ausführlich dargestellt in Gesammelte Werke 6. Band - Psychologische Typen). 

 

 

Im Zentrum des Bewußtseins finden wir das ICH oder Ego. Es garantiert die Einheit (Fühlen,   Denken, Handeln) der Person; macht, daß die Person sich getrennt von der Umwelt und gleichzeitig (oder eben dadurch) sich mit sich identisch weiß. Um den Anforderungen der Umwelt entsprechen zu können, agiert die Person häufig in wechselnden Rollen: im Büro der Tyrann, zuhause der Pantoffelheld.  Jung hat dafür den Ausdruck Persona (nach der Maske des antiken griechischen Schauspielers) geprägt. Ein anderer Ausdruck dafür lautet: kollektive Persönlichkeit. Das Gegenteil einer kollektiven, sich an die jeweiligen Erfordernisse des Kontextes anpassende Persönlichkeit ist für Jung Individualität. Ein individuell handelnder Mensch ist jemand, der unabhängig von den allgemeinen Umständen nur einen und denselben Charakter hat. Auf dieser Ebene besteht die Selbstarbeit darin, seinem Charakter oder Typus auf die Spur zu kommen. Dafür gibt es unterschiedliche Ansätze, zum einen das hier ausführlich vorgestellte Enneagramm oder das Typenmodell von Jung selbst. Auf der anderen Seite Modelle wie das NLP, dessen Aufgabe nach ihrem Erfinder Richard Bandler darin besteht, aus Robotern (automatenhaft, schematisch handelnde Personen) wieder Menschen zu machen.
Wenn wir mit Nietzsche davon ausgehen, daß "jeder tiefe Geist eine Maske braucht", die ihn vor Verletzungen unserer Intimsphäre schützt, dann stoßen wir auf die interessante Frage jenseits unser Persönlichkeit, wen oder was diese Maske verbirgt. Mit der Persona möchten wir im Außen bestätigt werden. Wir zeigen uns mit den Facetten unserer Persönlichkeit, mit der wir hoffen gut dazustehen. Im weitesten Sinne entspricht die Persona unserem wie die Psychologen sagen: Ich-Ideal. Was aber nicht ideal an uns ist, wird versteckt und verdrängt. Als solches haust es als Gespenst im persönlichen Unbewußten. Jung hat dafür den Ausdruck Schatten geprägt. Oder wie es die Jung-Schülerin Verena Kast (Der Schatten in uns) formuliert: "Alles, was wir nicht oder noch nicht akzeptieren können, kann zum Schatten werden." (S. 24) Wie entdeckt man seinen Schatten? In der Regel in den Projektionen, also dort, wo wir im anderen diejenigen Energien verdichtet finden, die wir aus unserer Persona ausschlossen. Da der Ausschluß aber weitgehend hinter unserem Bewußtsein vollzogen wurde, kann die Schattenprojektion häufig nicht durchschaut werden. Dazu kommt dann noch die Erfahrung, daß die Person häufig der anzuhängenden Sache einen (wie Jung sagt) entsprechenden Haken anbietet.

Der Schatten verkörpert all die Seiten an und in uns, die mit unseren idealen Vorstellung von uns in Konflikt geraten ist und prophylaktisch, aber unbewußt ausgesperrt wurde. Ausgesperrt, ausgespart heißt aber nicht ein für allemal erledigt. Wo aber viel Licht ist, da ist auch viel Schatten. Der Schatten löst sich nicht von uns, sondern begegnet uns in unseren Projektionen und - in unseren Träumen (z.B. im Verfolger). Diese Phase der Selbstarbeit heißt Schattenarbeit und stellt die Möglichkeit vor, den Schatten in unsere Persönlichkeit zu integrieren.
Eine andere Seite mit unserem persönlichen Unbewußten zu arbeiten repräsentieren die Komplexfelder. Hier zeigt die Jungsche Psychologie die stärkste Nähe zur Freudschen Tiefenpsychologie. Komplexe (Ödipuskomplex, Minderwertigkeitskomplex, Machtkomplex, Mutter-/Vaterkomplex, Geschwisterkomplex etc.) sind Libidofixierungen oder Energiestauungen (angelegt meist im Verlauf frühkindlicher Sozialisation), die unbewußt nach Wiederholung drängen solange, bis sie ins Bewußtsein gebracht und der Entwicklungsmöglichkeit (Lösung) zugeführt werden können. Jung sprach (Allgemeines zur Komplextheorie) auch davon, daß nicht wir Komplexe, sondern daß die Komplexe "uns haben". Im juristischen Sinn wird das in der Formulierung von der beschränkten Zurechnungsfähigkeit gespiegelt. Jung geht noch ein Stück weiter und nennt Komplexe abgesprengte Teilpsychen, verursacht durch Traumata und emotionale Schocks. Wenn sie nicht unter Kontrolle gebracht bzw. umgangen werden können entsteht aus dem Komplex die neurotische Dissoziation der Persönlichkeit. An der negativen Formulierung von Jung "Wo das Komplexgebiet anfängt, hört die Freiheit des Ich auf" mag man ermessen, wie viel Chancen in einer produktiven Komplexbearbeitung für das Individuum liegen können.
Wer an seinem Schatten und seinen Komplexen gearbeitet hat, hat zugleich den Weg freigemacht zur Begegnung mit den Archetypen. Die Archetypen zählen zu den Gestalten des kollektiv Unbewußten. Kein anderer Begriff von Jung stieß auf derartige Skepsis. Im Gegensatz zu dem persönlichen Unbewußten, das sich aus Inhalten zusammensetzt, die zu einer Zeit bewußt waren, dann aber aus dem Bewußtsein verdrängt wurden, ist das kollektive Unbewußte ein stammesgeschichtliches Erbe, zu dem Sagen und Märchen ebenso zählen wie und Mythen und Symbole. Jung hält dafür, daß die Komplexe und Neurosen als auch gesellschaftliche Phänomene von den Energien spezifischer Archetypen gespeist und deshalb auch eine gefährliche Triebkraft erlangen können.

Die wichtigsten Archetypen, die Jung herausgearbeitet hat sind

  • Animus / Animus
  • Der alte Weise
  • Die große Mutter
  • Die Syzygie (Götterpaar)
  • Der Hermaphrodit
  • Das göttliche Kind
  • Der Seelenführer (Psychopompos)

Archetypen sind, darauf hat Jung großen Wert gelegt, keine festen Inhalte oder Figuren des Unbewußten, sondern vorbewußte Energiefelder (Formen), die von der jeweiligen Psyche in ihrem historischen Zusammenhang manifestiert werden. Man könnte auch von Urbildern sprechen, die auf eine Gelegenheit warten, angesprochen, belebt und gestaltet zu werden. O-Ton Jung (Über den Archetypus mit besonderer Berücksichtigung des Animabegriffes): "Das Bild der Anima, das der Mutter in den Augen des Sohnes übermenschlichen Glanz verlieh, wird durch die Banalität des Alltags allmählich abgestreift und verfällt damit dem Unbewußten, ohne dadurch irgendwie seine ursprüngliche Spannung und Instinktfülle eingebüßt zu haben. Es ist von da an sozusagen sprungbereit und projiziziert sich bei der der ersten Gelegenheit, nämlich dann, well ein weibliches Wesen einen die Alltäglichkeit durchbrechenden Eindruck macht." Wer seiner Anima verfällt, verfälscht und mythologisiert alle emotionalen Beziehungen zu Beruf und Werk. Wer sich dieser archetypischen Erlebnissphäre stellt, vorzugsweise in der zweiten Lebenshälfte, hat die Chance, sehr viel mehr über sein Selbst und die dort schlummernden Kräfte und Energien zu erfahren und sie in einem Individuationsprozeß zu integrieren als jemand, der auf den oberen Bewußtseinsstufen verharrt.
 

An der Stelle wird auch deutlich, daß erst die Begegnung mit dem SELBST (und am Boden des Selbst das Numinose) sein Leben zurückzubinden (religio) an etwas Größeres, Umfassenderes als das vergängliche, begrenzte Ego. Deshalb sprachen die christlichen Mystiker auch vom "Sterben, bevor man stirbt", d.h. Egoüberwindung durch "Selbstarbeit".