Ihre Lieblingsgedichte*

  "Nicht müde werden sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten"
(Hilde Domin)
 

 Lauf´nicht, geh langsam:
Du mußt nur auf dich zugehn!
Geh´langsam, lauf´nicht,
denn das Kind deines Ich,
das ewig neugeborene,
kann dir nicht folgen!            
(Jiménez)


Die Zeit ist endlos in deinen Händen, oh Herr.
Niemand zählt deine Minuten
Tage und Nächte gehn, Zeitalter blühen
und welken wie Blumen, Du weißt zu warten.

Jahrhunderte folgen einander, um eine kleine
wilde Blume zu vollenden.
Wir aber haben nicht Zeit zu verlieren,
und da sie uns fehlt, müssen wir unser Glück erraffen.

Wir sind zu arm, um zu spät zu kommen.
Und so ists, daß die Zeit geht, ich gebe sie jedem,
der sie zudringlich begehrt, und dir bleibt der Altar leer
von Gaben bis zum Letzten.

Am Ende des Tages haste ich, fürchtend, dein Tor
sei geschlossen; doch finde ich, daß dort noch [alle] Zeit ist.
(Tagore: Gitanjali)


Ich entblätterte Dich wie eine Rose,
um deine Seele zu erblicken,
und ich sah sie nicht.

Aber alles rund herum
 - Horizonte der Länder und Meere -
alles, bis ins Unendliche
wurde von ihrem
durchdringenden [süßen] Duft erfüllt
(Jiménez)


WO DER GEIST OHNE FURCHT IST
DAS HAUPT MAN HOCH TRÄGT
WO ERKENNTNIS FREI IST
WO DIE WELT NICHT ZUM 
BRUCHSTÜCK VON ENGEN, 
HÄUSLICHEN MAUERN WIRD
WO WORTE AUS TIEFEN 
DER WAHRHEIT KOMMEN, 
WO UNERMÜDET DAS STREBEN 
DEN ARM ZUR VOLLKOMMENHEIT 
AUSSTRECKT,
WO DER KLARE STROM DER 
ERKENNTNIS SEINEN WEG NICHT 
VERLIERT IN DEM TROCKENEN 
SAND DER GEWOHNHEIT
WO DER GEIST, VON DIR GELEITET, 
ZU IMMER SICH WEITENDEM 
DENKEN UND HANDELN 
GEFÜHRT WIRD -
ZU DIESEM HIMMEL DER FREIHEIT, 
LAß, VATER, [MICH] ERWACHEN  
(TAGORE: GITANJALI)

Die Zeit, die meine Reise braucht, 
ist lang, und der Weg ist lang.
	Es ist der fernste Weg, der am nächsten führt zu dir selbst, 
und jene Übung ist die schwierigste, die zum allereinfachsten Ton 
kommt.
	An jede fernste Türe muß der Wanderer klopfen, bis er zur 
eigenen gelangt, durch alle äußeren Welten muß er ziehn, zuletzt zum 
Allerheiligsten zu kommen.
	Und meine Augen streiften weit und breit, eh ich sie schloß
und sprach: „Hier bist du!“
	Die Frage und der Ruf: „Oh wo ?“ zerschmilzt in tausend 
Tränenströmen und ertränkt die Welt mit der Flut der Versich´rung: 
„Ich bin“!  (Tagore: Gitanjali)

Ich dachte, daß meine Reise ihr Ende gefunden, bis zum letzten Bereich 
meines Könnens - daß der Pfad vor mir geschlossen sei, daß der Vorrat 
erschöpft und die Zeit gekommen, um Schutz zu finden in stiller 
Verborgenheit.
Aber ich finde: kein Ende kennt dein Wille mir mir. Wenn alte Worte 
auf der Zunge sterben, dann brechen neue Melodien im Herzen aus; und 
wo die alte Spur verloren ist, da wird ein neues Land mit seinen 
Wundern offenbar. (Tagore: Gitanjali)

Nur eine Rose als Stütze

Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft
unter den Akrobaten und Vögeln:
mein Bett auf dem Trapez des Gefühls
wie ein Nest im Wind
auf der äußersten Spitze des Zweigs.

Ich kaufe mir eine Decke aus der zartesten Wolle
der sanftgescheitelten Schafe
die im Mondlicht wie schimmernde Wolken
über die feste Erde zieh´n.

Ich schließe die Augen und hülle mich ein
in das Vlies der verläßlichen Tiere.
Ich will den Sand unter den kleinen Hufen spüren
und das Klicken des Riegels hören,
der die Stalltür am Abend schließt.

Aber ich liege in Vogelfedern, hoch ins Leere gewiegt.
Mir schwindelt. Ich schlafe nicht ein.
Meine Hand greift nach einem Halt und findet
nur eine Rose als Stütze. (Hilde Domin)

...... nichts kommt dir gleich, 
erhabenstes Wesen dieses vergehenden Daseins, 
dieses Zwischenraums der Liebe, 
in dem man ohne deinen Duft nur mühsam vorankommt

.......rien ne te vaut, ô toi, 
suprême essence de ce flottant séjour,
de cet espace d´amour 
où à peine l´on avance ton parfum faît tour (Les Roses (Rilke)

Den ganzen Tag halt´ ich, Liebe, 
dein Herz in meinen Armen,
es wiegend und kosend
- o weiße, ewige Blume! -

Nachts leg´ich´s an mein Herz,
damit es selig schlafe,
während ich in Sorge wache,
um es nicht zu verletzen
- o neugeborenes Kind, Liebe! -
(Jiménez)

LIEBE

O reiche Armut! Gebend, seliges Empfangen! 
In Zagheit Mut! In Freiheit doch gefangen.
In Stummheit Sprache, 
Schüchtern bei Tage,
Siegend mit zaghaftem Bangen!

Lebendiger Tod, im Einen selges Leben.
Schwelgend in Not, im Widerstand ergeben,
Genießend schmachten,
Nie satt betrachten.
Leben im Traum und doppelt Leben.  (Karoline von Günderode) 

DER KUß -  POESIE DER LIEBE  von Thomas Mann

Ist die Liebe das Beste im Leben, so ist in der Lieb das Beste der 
Kuß,- Poesie der Liebe, Siegel der Inbrunst, sinnlich-platonisch, 
Mitte des Sakraments zwischen geistlichem Anfang und fleischlichem 
End, süße Handlung, vollzogen in höherer Sphäre als das da, und mit 
reinern Organen des Hauchs und der Rede, -  geistig, weil noch 
individuell  und hoch unterscheidend, - zwischen deinen Händen das 
einzigste Haupt, rückgeneigt, unter den Wimpern den lächelnd ernst 
vergehenden Blick in deinem, und es sagt ihm dein Kuß: Dich lieb und 
mein ich, dich, holde Gotteseinzelheit, ausdrücklich in aller 
Schöpfung dich... 

Hände schlingen sich in Hände, und Augen hangen an Augen: so beginnt 
die Geschichte unserer Herzen.
Es ist die mondhelle Märznacht; den süßen Duft von Henna trägt der 
Wind; meine Flöte liegt vernachlässigt auf der Erde, und Dein Kranz 
von Blumen ist unvollendet.
Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied.

Dein safranfarbener Schleier macht meine Augen trunken.
Der Jasminkranz, den Du für mich flochtest, durchbebt mein Herz wie 
Lob.
Es ist ein Spiel von Geben und Versagen, von Entschleiern und 
Wieder-Verbergen; etwas Lächeln und ein ganz wenig Schüchternheit und 
manche süßen zwecklosen Streite. 
Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied.

Kein Geheimnis über das Heute hinaus; kein Ringen um das Unmögliche; 
kein Schatten hinter der Anmut; kein Tasten in die Tiefen des Dunkels.
Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied.

Wir schweifen nicht aus allen Worten in das ewige Schweigen; wir heben 
nicht unsre Hände in die Leere nach Dingen jenseits der Hoffnung. Uns 
ist genug, was wir geben und was wir bekommen.
Wir haben die Freude nicht bis aufs Letzte ausgepreßt, um aus ihr den 
Wein der Leiden zu keltern. 
Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied. (Tagore)

Befreiung liegt nicht für mich im Verzicht. Ich fühl die Umarmung der 
Freiheit in tausend Banden der Lust. 
	Du schenktest mir immer den frischen Trunk Deines Weines, 
verschieden in Farbe und Duft und füllest die irdene Schale zum Rande. 
	Meine Welt entzündet die hundert verschiedenen Lampen an 
Deiner Flamme und stellt sie auf am Altar Deines Tempels.
	Nein, ich will nimmer die Tore der Sinne verschließen. Die 
Wonnen des Sehens und Hörens und Tastens, sie werden Deine Wonnen 
tragen.
	Ja, all meinen Trugbilder werden zu Freudenfackeln entbrennen 
und all mein Begehren zu Früchten der Liebe reifen. (Tagore: Gitanjali)

Als sie mit schnellen Schritten an mir vorüberging, berührte mich der 
Saum ihres Kleides.
Von der unbekannten Insel eines Herzens kam ein plötzlicher, warmer 
Frühlingshauch.
Das Flattern einer flüchigen Berührung streifte mich und war im Nu 
vorüber, wie ein abgerissenes Blütenblatt, vom Wind getrieben. 
Es fiel auf mein Herz wie ein Seufzen aus ihrem Leib und ein Flüstern 
aus ihrem Herzen. (Tagore) 

Wo steht unser Mandelbaum

Ich liege in deinen Armen, Liebster,
wie der Mandelkern in der Mandel.
Sag mir: wo steht unser Mandelbaum?

Ich liege in deinen Armen
wie in einem Schiff,
ohne Route noch Hafen,
aber mit Delphinen am Bug.

Unter unserem Rücken 
ein Band von Betten,
unsere Betten in den vielen Ländern,
im Nirgendwo der Nacht,
wenn rings ein fremdes Zimmer versinkt.

Wohin wir kamen
- wohin wir kommen, Liebster,
alles ist anders,
alles ist gleich.

Überall wird das Heu 
[nur] auf andere Weise geschichtet 
zum Trocknen unter der gleichen Sonne. (Hilde Domin) 

Da sprach Almitra: Rede uns VON DER LIEBE.

Und er erhob das Haupt und blickte auf die Menge, und es fiel ein 
Schweigen über sie. Und die große Stimme sprach also:
Winkt Dir die Liebe, so folge ihr, sind auch ihre Wege hart und steil. 
Und umfahn dich ihre Flügel, so ergib dich ihr, mag auch das unterm 
Gefieder verborgene Schwert dich verwunden. Und redet sie mit dir, so 
trau ihrem Wort, mag auch ihre Stimme deine Träume erschüttern, wie 
der Nordwind den Garten verwüstet. 

Denn gleich wie die Liebe dich krönt, so wird sie dich keuzigen, wie 
sie deinen Lebensbaum entfaltet, so wird sie ihn beschneiden. Wie sie 
emporsteigt zu deiner Höhe und die zartesten Zweige liebkost, die in 
der Sonne erbeben, ebenso wird sie hinabsteigen zu deinen Wurzeln und 
sie aufrütteln in ihrem Festklammern am Erdboden. Gleich Garben von 
Korn rafft sie dich an sich. Sie drischt dich, um dich zu entblößen. 
Sie siebt dich, um dich von Spreu zu befrein. Sie zermalmt dich, bis 
du weiß wirst, sie knetet dich, bis zu geschmeidig bist, und dann 
beruft sie dich an ihr heilges Feuer, auf daß du heilges Brot werdest 
zu Gottes heilgem Festmahl.

All dies soll Liebe dir antun, auf daß du kennest das Geheime deines 
Herzens und in diesem Wissen ein Bruchteil werdest vom Herzen des 
Lebens.

Doch suchst du in deiner Angst nur der Liebe Ruh´und der Liebe Lust, 
dann tätest du besser, deine Nacktheit zu verhüllen und der Liebe 
Tenne zu entfliehn, in die schale Welt, wo du wirst lachen, doch nicht 
dein ganzes Lachen, und weinen, doch nicht all deine Tränen. 

Liebe gibt nichts als sich selber und nimmt nichts als aus sich selbst 
heraus. Liebe besitzt nicht und läßt sich nicht besitzen; denn Liebe 
genügt der Liebe.

Wenn du liebst, so sage nicht: Gott ist in meinem Herzen, sag lieber: 
ich bin in Gottes Herzen.

Und denke nicht du könntest der Liebe Lauf lenken; denn Liebe, so sie 
dich würdig schätzt, lenkt deinen Lauf

Liebe hat keinen anderen Wunsch, als sich selbst zu erfüllen.
Doch so du liebst und noch Wünsche haben mußt, so seinen dies deine 
Wünsche:
Zu schmelzen und zu werden wie ein fließender Bach, der sein Lied der 
Nacht singt.
Zu kennen die Pein allzu vieler Zärtlichkeit.
Wund zu sein von deinem eignen Verstehn der Liebe;
und zu bluten, willig und freudigen Herzens.
Zu erwachen beim Morgenrot mit beschwingter Seele und Dank zu bringen 
für einen neuen Tag der Liebe;
zu rasten um die Mittagsstund und nachzusinnen über der Liebe 
Verzückung: Heimzukehren in Dankbarkeit, wenn der Abend graut; und 
dann einzuschlafen, mit einem Gebet füf dein Lieb im Herzen und einem 
Lobgesang auf den Lippen 
(Gibran: Prophet) 

Gleichgewicht

Wir gehen 
jeder für sich
den schmalen Weg 
über den Köpfen der Toten
- fast ohne Angst -
im Takt unsres Herzens,
als seien wir beschützt,
solange die Liebe nicht aussetzt.

So gehen wir
zwischen Schmetterlingen und Vögeln 
in staunendem Gleichgewicht
zu einem Morgen von Baumwipfeln
- grün, gold und blau -
und zu dem Erwachen 
der geliebten Augen.
im Takt      (Hilde Domin)

Erläuterung

Die zitierten Gedichte wurden von Ursula gesammelt und in eine Datei gestellt. Schreibweise und Zitation wurden übernommen.

In dieser Datei befand sich auch ein Gedicht aus ihrer Hand:

MEERZEILER (US)

Ich wünsche Dir, Herz,
daß jeder Sonnenstrahl,
der deine Stirn und deine Augenlider küsst, von mir küsst,
daß jeder Windhauch, der deine Schläfen berührt
und dir leis´ ins Ohr flüstert ICH LIEBE DICH,
daß jeder Regentropfen, der deine Wangen benetzt,
als seien es meine heißen, dankbaren Tränen, dir begegnet zu sein,
daß die Glut der Sommerhitze, die deinen Körper erfaßt
und in dir den Docht der Liebe entflammt,
daß jede kühle Woge, in die du eintauchst
und die gleich ist dem Meer der einen Liebe aus einer anderen
und doch derselben Welt ,
daß Sonne, Glut, Wind, Wasser, Wellen,
daß all diese Elemente unaufhörlich etwas von
der Finsternis deiner umwölkten Stirn wegküssen, mit sich nehmen, auflösen,
hell-warm durchdringen mögen, bis nichts mehr davon übrig ist,
daß sie dich ruhig und heiter machen,
damit du dich unbeschwert dem Hier und Jetzt ergeben kannst,
in dem kein Gestern und Morgen Platz hat,
in dem dich nichts belastet, in dem du sein kannst, in dem du frei
bist.

Du umspültest mich, Liebster, mit dem Fluidum deiner wunderschönen
sehr zarten und doch so starken Seele aus geballter und sich dennoch
aus Überfluß verströmender Energie, und ließt mich von dir
wohlig-ummantelt dich in deinem Sog spüren, dessen Strömung uns fest
umschlungen entleerte in eine traum-trancehafte Welt des
bedingungslosen Angenommen- und Aufgehobenseins, des absoluten
Gleichklangs und derselben Schwingung, in eine Welt ohne Zeit, Raum
und Schwerkraft, in der wir nichtsanhaftend schwebend des anderen Seele umkreisend zart-berührend liebkosend, ohne Gedanken, nur trunken
von Glückseeligkeit, in alle Ewigkeit hätten NUR SEIN können.

Oh Liebster, laß mich trunken werden an der übervollen, nie
versiegenden Quelle deines verschwendend-verströmenden Selbst, das Liebe ist, laß mich gleich dir Quelle sein und mich in die deine
verströmen, dir zurückzugeben, was du mir schenkst, laß uns, laß diese
beiden Ströme sich kraftvoll gegenläufig strudelnd-verwindend
zusammenfließen und gleich eines einzigen wilden tosenden Stromes,
sich sehnsuchtvoll ins kosmische Meer der einen allumfassenden Liebe
ergießen, ruhig werden, eins sein und alles sein, Geliebte und
Liebende, Empfangende und Gebende zugleich.

Die Abendsonne, noch  gleisend-weißen Lichts, trifft mich wie ein
blitzend Schwert mitten ins rasende Herz, das ängstlich das Morgen
erwartet.

Sag´,  wirst du mir wieder begegnen übervoll der Zärtlichkeit und
Zuneigung, mich umfangend mit klarem, liebendem Blick, den ich errötend hingebungsvoll-dahinschmelzend dir dankbar widerspiegeln will;
wirst du mich wieder übersäen mit Küssen und Liebkosungen, deren
Übermaß meinen Körper in qualvoll-lustvoller Weise zu Zersprengen
droht und meinen Geist der Besinnungslosigkeit nahebringt, ob dieser
Gnade, die du mir gewährst; 
wirst du wieder mit tastend-festem Griff,  die zum
Zerbersten gespannten Saiten meines Körpers zum Erklingen bringen, daß
die Schwingungen sich auf die Saiten meiner Seele übertragen, und sie
in dir, in der unendlichen Weite deines Herzens, zittrig-vibrierend
ausklingen lassen und mich in dir in die süße Unendlichkeit empfangen,
mein Traum, mein Leben.

Oh du verzagtes Herz, was zweifelst du? Nie kann wahre Liebe lassen
von derselben Liebe, nie kann inniger Kuß von innigem Kuß sich trennen
in ewiger Vereinigung.

Liebster, sieh´ in mich hinein durch das offene Tor meiner Seele, wie
ich durch das offene Tor deiner Seele schauen kann, wenn unsere Blicke
heftig aufeinandertreffend sich flammend entzünden.  Und während du
deinen leidenschaftlich-glühenden Blick verzehrend-erschöpft in mich
versenkst, laß ich den meinen brennend gleich einer Fackel in die
endlose Tiefe deiner Seele fallen in der ihr lichter feuriger Glanz
den rötlichen Schein meiner Fackel wie lodernde Flammen widerspiegelt.
Doch welch erfurchtsvoll-banges Entzücken... es ist kein bloßer
Schein, es ist ein Flammenmeer, verbrennend, verzehrend, um sich
greifend, mich verschlingend. Und beide im anderen und doch in uns
selbst der wütenden Feuersbrunst preisgegeben vernichtet sie all das,
was unser wahres Selbst verhüllt, was uns hindert zu sein, und läßt
uns im reinigenden Feuer gemeinsam auferstehen der unverhohlenen einen
Liebe unauslöschlich zu brennen.

Du reine funkelnde Perle aus Licht geboren warum verhüllst du dich
[verschämt] mit einem zarten Schleier, der deine Schönheit nicht
verbergen und deinen Glanz nicht bannen kann? Entblöße dich mir,
vertrau´mir, laß mich dich in meinen Händen halten, spürend und
erkennend, daß du nicht greifbar bist, daß du sonnengleich geballter
Energie tausendfach blitzend-sprühende Äonen birgst, die meine
Handflächen aberwitzig tausendfach funkend zu küssen scheinen und mit
jedem Funkenkuß meine Sehnsucht ins Unermeßliche steigern, eins mit
dir zu sein, durchdrungen von reinster Energie gleich der einen
kosmischen Energie, die alles speist, allgegenwärtig ist.

Ich schaue dich mit geschlossenen wie mit offenen Augen, immerzu. Oft
habe ich dein ernstes, zerbrechliches Antlitz, wenn du dich verlierst,
direkt vor Augen, so durchscheinend, dein leicht umwölktes Herz,
deinen müde-widerstreitenden Verstand ob dieses steinig-weiten oft
irreführenden Weges, der zum Licht weist, offen preisgebend. Ich
streichle, küsse es in Gedanken immerfort und höre nicht auf, bis ich
sicher sein kann, daß hinter deinem aufkommenden Lächeln Zuversicht
felsenfest steht, daß ich beruhigt von dir lassen kann, daß ich - mich
nun wieder in dich versenkend - mit dir in dir ringend balgen kann,
fröhlich, gleich Mauerseglern, die am Himmel ihre Späße treiben,
nichtwissend um ein Morgen, und doch aufgehoben und sicher gewiegt in
Gottes Hand.